Straßenbettler 2012

Brich dem Hungrigen dein Brot
und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
und entziehe dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Jesaja 58,7

Foto: Amaia Pascual

 

Für viele Menschen in der Situation eines Straßenbettlers ist es eine noch härtere Zeit als die Jahre zuvor, denn „Markt und Straßen stehn verlassen, still erleuchtet jedes Haus“. So fing einst Joseph von Eichendorff (1788-1857) die festliche Stimmung zur Weihnachtszeit ein. Als Romantiker wollte er damit eine schöne Zeit beschreiben, die besinnlich und andächtig genossen wurde. Das Corona-Virus hat das in unserem Jahr zerstört, so werden sicher viele denken. Aber stimmt das wirklich? Waren die Adventszeit und das darauf folgende Weihnachtsfest nicht längst schon vorher „infiziert“ und irgendwie gestorben?
Alle Jahre wieder finden sich natürlich auch jetzt wieder die Spendenbriefe unterschiedlichster Organisationen, etwa auch der beiden großen Kirchen in Deutschland - wie man sie früher einmal nannte - in unseren Briefkästen oder irgendwo in den längst nicht mehr neuen digitalen Medien. Das ist eine kluge Marketingentscheidung, denn die Menschen sind zur Weihnachtszeit etwa dreimal spendenfreudiger als im Rest des Jahres. Über eine Milliarde Euro – so berechnete die Gesellschaft für Konsumforschung- wurden im letzten Jahr gespendet. Das ist eine ansehnliche Summe! Aber tatsächlich– so ermittelten die Forscher- geben die Deutschen damit jährlich nur etwa zwischen 0,2 und 0,6 Prozent ihres Einkommens für Spenden aus, also von jedem Euro 10er rund 4 Cent. Und der Bettler in der Einkaufszone wird davon noch am wenigsten bekommen.
Zur Zeit des Propheten Jesaja spielte natürlich weder Weihnachten noch Geld eine Rolle. Sozialsysteme waren nicht vorhanden, aber Menschen, die auf Hilfe angewiesen waren, gab es auch damals wie heute in großer Zahl. Zu Jesajas Zeit war Helfen offensichtlich nicht selbstverständlich und „Vorübergehen“ am Elend der anderen eher der Normalfall, selbst in der eigenen Familie wie dem 58. Kapitel des über 2500 Jahre alten Jesaja-Buches zu entnehmen ist. Es ist eine einzige Anklageschrift gegen sein Volk. Das o.g. Monatswort spiegelt ein wenig die Zustände jener Zeit und ist vor allem ein Mahnwort, das man vielleicht so zusammenfassen könnte: Ihr Israeliten! Hört gut zu. Euer Gott will nicht, dass ihr seine Gebote und Wegweisungen missachtet. Ändert euer Leben!
Genau dazu sah das Volk Israel aber gar keinen Grund. Denn keineswegs hatten sie ja Gott aus dem Leben gestrichen. Gottesdienste wurden in Vielzahl gefeiert, Fastengebote genau befolgt und auch der Sonntag (Sabbat) war Ihnen heilig. Was also war verkehrt? Gott müsste doch solch frommes Verhalten eher belohnen als seinen Propheten zur Strafpredigt aufzurufen?
Es geht dem Propheten aber letztlich um den entscheidenden Punkt, auf den über die Jahrtausende hinweg bis in unsere Zeit hinein viele biblische Bücher aufmerksam machen. Und genau damit hat auch unsere kommende Weihnachtszeit zu tun. Die Weihnachtsgottesdienste waren und sind Jahr für Jahr überfüllt. Auch trotz der gegenwärtigen Corona-Zeit werden sie nachgefragt. Kirchen und religiöse Gemeinschaften versuchen daher vieles, um diese Gottesdienste anbieten zu können. Aber – so würde Jesaja vielleicht fragen – ist euer Gottesdienst nicht längst nur eine religiöse Form ohne Inhalt? Geht es um Gott oder nicht einfach doch nur um Stimmung als Zutat zum bunten Baum mit Kugeln dran und natürlich um Konsum? Ist Weihnachten an oder mit Corona auf die christliche Intensivstation gekommen? Ist die christliche Botschaft der Advents- und Weihnachtszeit nicht bestenfalls nur noch eine Dekoration? So sagte der auch für das Geschäftsleben zuständige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unlängst in einem Sonntagsinterview der Deutschlandfunks:“ Weihnachten ist doch für fast alle von uns mit das wichtigste Fest im ganzen Jahr, wo die Familien zusammenkommen. Es hat unsere Kindheit dominiert“ und deshalb sei es selbstverständlich das Weihnachten irgendwie gefeiert wird. Ganz ähnlich äußern sich andere führende Politiker. Weihnachten ist danach das wichtigste Familienfest, eine Art Maxi-Mutter-Vater-Kinder-Tage-Fest. Klar, Krippe und Kirchenorgel als Deko gehören genauso dazu wie der altgermanische Weihnachtsbaum, natürlich auch ein wenig „Brot für die Welt“ (Spendenaktion der Ev. Kirche). Es war lange vor Corona schon so, dass das Christ-Fest in weiten Teilen der Bevölkerung als solches kaum noch eine Rolle spielte. Ist der christliche Glaube damit auf dem Weg zu einer immer bedeutungsloseren Hülle, so wie zu Jesajas Zeiten der Glaube an Gott nur noch formal wichtig war, nicht aber im Lebensalltag des Volkes? Dort ist anderes wichtiger. So nennt etwa die Stadt Marburg bezeichnenderweise ihre Weihnachtslichter: „Marburg b(u)y Night“, die in diesem Jahr so nicht stattfinden kann.
Genau an dieser Stelle könnte aus dem Corona-Fluch allerdings ein Segen werden. Die Pandemie hat einen Großteil von Lichterglanz und Stimmungen gekostet und einer ganzen Menge Menschen tragischerweise auch ein Gefühl der äußeren und inneren Leere beschert. Um hier wieder eine neue Fülle, Erfüllung und eine neue Haltung zu bekommen, MIND-SETTING wie man heute sagt, riet Jesaja seinem Volk, sich ihrem Gott wieder neu zuzuwenden und dadurch religiöse Formen wieder mit Inhalt zu füllen.
Ist das vielleicht ein Rat, der auch helfen würde im Kerzenschein im

Dezember Anno Domini 2020

© D.E.

 

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