Systemrelevanz

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes,

jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!

1.Petrus 4,10

Nicht nur in Deutschland nehmen alle Menschen ungefragt gerade an einer  Zwangsfortbildung teil. Der Wortschatz der Bevölkerung wird durch vielfältige Medien deutlich erweitert. Und der Lernerfolg ist erkennbar! Wer hätte vor weniger als einem Jahr gewusst, was man unter „Corona“ versteht oder was Wuhan ist? Zu den vielen anderen neuen Vokabel gehört auch das Wort „systemrelevant“, das bis vor kurzer Zeit bestenfalls von Fachleuten verstanden wurde.
Worte sind aber nicht einfach nur Verständigungsmittel. Man kann sie auch als Container einer Gesellschaft verstehen, die Denkrichtungen und Wertsetzungen beinhalten. Es lohnt sich daher, dort mal hineinzuschauen und etwa das Wort „systemrelevant“ ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.
Die gerade auf Diät gesetzten Fußballbegeisterte oder die Anhänger anderer Mannschaftssportarten erinnern sich an das Spielsystem ihrer Mannschaften vor gefühlt langer Zeit. Dort hatte jeder Spieler seine Position oder seinen Platz auf dem Spielfeld. Jeder und jede war in einer unverwechselbaren Rolle, die es auszufüllen galt. Kein Mitspieler und keine Mitspielerin käme auf die Idee, etwa auf die Torleute zu verzichten oder sie für nicht sooo wichtig zu halten. Anders gesagt, jeder ist auf seinem Platz und in seiner Funktion relevant, eben wichtig für einen guten Spielausgang.
Auf einen Sieg im „Spiel des Lebens“ in der Coronavirusbekämpfung setzt natürlich auch unsere gesamte Gesellschaft. Dafür, dass dies gelingt, scheint es jedoch weniger wichtige, vielleicht verzichtbare, aber auch wichtige Menschen zu geben, eben jene, die „systemrelevant“ sind. Ihre Bedeutung hängt dabei nicht von ihrem Gehalt ab – eine durchaus überraschende Logik in der Marktwirtschaft. Aber man erkennt zunehmend, dass z.B. der Fahrer des Onlineversands mit Migrationshintergrund (z.B. aus Amazonien) wichtig ist, genauso wie die Verkäuferinnen und Mitarbeiter(innen) in der Lebensmittelbranche oder der Brummifahrer der die Läden beliefert.
So verständlich die Hintergründe solcher „Wertschätzungen“ auch sind, so gefährlich sind die sich daraus ergebenden, weiteren Gedankenwege. Diese führen bemerkt oder unbemerkt auch zu Nützlichkeitsüberlegungen von menschlichem Leben. Finanzielle Unterstützungen für die Menschen in der Automobilindustrie? Hilfen für Behindertenwerkstätten? Jeder kann hier weiterdenken.
Zu welcher Erkenntnis der Verfasser des ersten Petrusbriefes über die Relevanz von Menschen kommt, verrät der Monatsspruch. Dort - wie auch an keiner anderen Stelle der Bibel - wird der Wert eines Menschen von seiner Bedeutung und Nützlichkeit abhängig gemacht! Genau darin liegt ja gerade die Würde des Menschen, der das Leben als Gnadengeschenk bekommen hat. Jeder Mensch hat ein weiteres Geschenk bekommen. Diese unverdient und ungefragt bekommenen Gaben (Fähigkeiten, Eigenschaften) sind alle gleich wertvoll. Zwar sind sie im persönlichen Besitz des Einzelnen, aber dieser soll sie für die Gemeinschaft einsetzen. Insoweit ist jeder Mensch der Diener und Mitarbeiter des anderen. Genau darin verwaltet er seinen „Besitz“ angemessen, so könnte man die Petrus-Bibelstelle zusammenfassen. Damit geraten die unterschiedlichen Berufe ins Blickfeld, von denen keiner entbehrlich ist. Martin Luther verdanken wir genau diesen Berufsbegriff. Der Mensch wird von Gott für eine Aufgabe berufen, die er einerseits für sich zum Lebensunterhalt nutzt, andererseits aber gewinnbringend für die Gemeinschaft einsetzen soll. (s.a. Matth.25, 14-30) „Denn keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.“ So formuliert es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer (Römer 14,7-9). So ist die Arbeit für andere Menschen immer auch und zuerst Erfüllung des Arbeitsauftrages Gottes. Darin fristen wir nicht einfach nur unser Leben, sondern wir haben es zu verwalten mit den uns gegebenen Gaben und Möglichkeiten. Und die sind durchaus nicht nur an einen Beruf gebunden. „Irgendeinen Platz hat Gott, an dem will er dich haben“, so dichtete der Liedermacher Manfred Siebald treffend dazu. Wo auch immer, aber dieser Platz ist stets mitten in einer Gemeinschaft, die sich auch als solche versteht. So begriffen ist jeder Mensch in einer christlichen Gemeinschaft wichtig in diesem sozialen System der Gesellschaft.
Wir haben dazu sicher unsere Fragen. Geht der Appell des Petrusbriefes nicht doch am Alltag dieser Welt vorbei? Das war damals schon so, denn der Vers kommt ein wenig wie eine Mahnung daher. Und mahnen muss man nur, wo etwas eben gerade nicht so läuft. Für die jungen Christen im ersten Jahrhundert war in ihrem Umfeld sicher auch schon deutlich, dass in den politischen und darin gesellschaftlichen Systemen Macht-und Nützlichkeitsdenken vorherrschend war.
Leben miteinander und füreinander mit den Möglichkeiten, die einem gegeben sind, braucht jedoch die Blickrichtung auf denjenigen, der den menschlichen Verwalter einsetzt, damit das System des Lebens gut weitergeht.

Für Gott sind alle Menschen darin systemrelevant, nicht nur im

Mai Anno Domini 2020

© D.E.

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